„Deutsche Sprache lernen, gute Arbeit finden, ein ruhiges Leben führen...“ – Die Geschichten zweier Flüchtlinge aus Nördlingen
Am Freitag, 30.9.2011, wird zum 25. Mal im Rahmen der bundesweiten Interkulturellen Woche der „Tag des Flüchtlings“ begangen. Aus diesem Anlass finden auch in Nördlingen, wo es Am Hohen Weg seit Jahren eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylsuchende gibt, Veranstaltungen statt. So wird an diesem Tag um 10.00 Uhr in der Nördlinger Stadtbibliothek die Ausstellung „Schau Mich An“ eröffnet. Sie zeigt lebensgroße Porträts von 25 Flüchtlingen, die in Deutschland Aufenthalt such(t)en. Begleitend dazu gibt es noch Länderinformationen zu den Herkunftsländern von Asylsuchenden aus der Gemeinschaftsunterkunft unter dem Titel „Woher komme ich?“, die von den Flüchtlingen und ihrer Deutschlehrerin, Gabriele Heber, erstellt wurden.
Ehrenamtliche interviewen Flüchtlinge
Zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Diakonischen Werkes, Clara März und Irmgard Moser, nahmen den „Tag des Flüchtlings“ zum Anlass, Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft in Nördlingen zu deren Lebens- und Fluchtweg zu befragen und deren Geschichten aufzuschreiben. Diese persönlichen Berichte über drei Asylsuchende zeigen auf eindrückliche Weise, welche Gründe Menschen dazu veranlassen, die meist lebensgefährliche Flucht nach Europa auf sich zu nehmen, um Verfolgung und Misshandlung in ihrer Heimat zu entgehen und mit welchen Hoffnungen sie in Deutschland ankommen.
Flucht aus Afghanistan
Irmgard Moser, die ehrenamtlich Deutschunterricht für Asylsuchende und Flüchtlinge gibt, sprach mit Ali und Mustafa:
Zwei junge Afghanen aus der Nördlinger Gemeinschaftsunterkunft waren bereit, Auskunft über ihr Leben, ihre Flucht, ihre Hoffnungen und ihre jetzige Situation zu geben. Sie wollen anonym bleiben, ihre Namen wurden geändert. „Deutsche Leute gut“, so Mustafa über Deutschland. Gut sei, dass es in Deutschland ein Gesetz gebe und das Leben auch für einen Asylbewerber nicht rechtlos sei. Er meint, er könne ein Buch schreiben über seine Erlebnisse auf der Flucht, leider (noch?) nicht auf Deutsch. Warum sind Ali und Mustafa geflohen und haben ihr Heimatland verlassen? Das Leben in Afghanistan ist sehr schwierig, da das Land durch jahrzehntelange Kriege und kriegerische Stammesfehden verwüstet ist. Problematisch wird es, wenn die Familie durch den Tod des Familienoberhauptes allein dasteht, noch schwieriger, wenn dieser von den Taliban oder von Mitgliedern eines anderen Stammes wegen seiner Stammeszugehörigkeit ermordet, das Haus in Brand gesteckt und die Familie ebenfalls mit dem Tod bedroht wird. Dies geschah auch den beiden Nördlinger Flüchtlingen Ali und Mustafa und veränderte deren Leben entscheidend. Die Flucht ging zuerst nach Pakistan. Als Alis Mutter stirbt und er mit 10 Jahren allein mit den Geschwistern dasteht, verlässt er Pakistan, die Geschwister bleiben zurück. Ali macht sich auf den langen Weg gen Westen. Über den Iran, wo Flüchtlinge nicht willkommen sind, kommt er in die Türkei, wo man ebenfalls, wenn man erwischt wird, in den Iran oder nach Afghanistan zurückgeschickt wird. Hier gelingt manchen Flüchtlingen die Flucht zu Fuß nach Griechenland, per LKW (wofür man zahlen muss) oder auch wie in Alis Fall auf abenteuerliche Weise per Ruderboot - ohne Führer - auf eine griechische Insel. Auch Mustafa zieht als Jugendlicher nach der Ermordung des Vaters und dem Tod der Mutter allein los. Beide bezeichnen die humanitären Bedingungen in Griechenland als katastrophal. Flüchtlinge bekommen für drei Monate Papiere, werden jedoch in Lagern wie in Gefängnissen eingesperrt, leben mit 220 Leuten in einem Saal mit einer Toilette hinter einem Vorhang. Nach den drei Monaten werden die Flüchtlinge mit Papieren weitergeschickt, wobei es ihnen freigestellt wird, wohin sie gehen. Ali und Mustafa erzählen, dass sie wie viele andere auch in Parks, in Bushäuschen, in Bahnhöfen, im Wald, überall wo sie Platz fanden, geschlafen haben. Wenn man ohne Papiere aufgegriffen wird, kommt man ins Gefängnis. Nach ihrer Schilderung ist Griechenland überflutet von Flüchtlingen. Diese versuchen natürlich Arbeit zu finden, um notdürftig über die Runden zu kommen, möglich ist das z.B. bei der Obst- oder Olivenernte, zu einem Stundenlohn von einem oder zwei Euro. Ali arbeitete auch als Schafhirte. Allerdings bekam er für die geleistete Arbeit entgegen der getroffenen Absprache gar kein Geld. Dagegen wehren konnte er sich nicht. Um aus Griechenland nach Italien zu kommen, braucht man Papiere. Hat man die nicht, braucht man Geld für einen Pass und u. U. auch für Schlepperdienste. In Italien lebten beide wie in Griechenland auf der Straße oder in Parks. Es gibt Kirchen, wo Essen ausgeteilt wird. Medizinische Hilfe bietet das Rote Kreuz. Das Leben in Italien ist für einen Flüchtling ohne jede Perspektive, denn man weiß nie, was morgen sein wird. Von Italien aus gelangt man über Österreich nach Deutschland, entweder regulär mit Fahrkarte oder als blinder Passagier im Zug bzw. im LKW oder zu Fuß. Welche Hoffnung haben die jungen Männer, wenn sie nach diesen Strapazen hier ankommen? Sowohl Ali wie Mustafa sagen: „Deutsche Sprache lernen, gute Arbeit finden, ein ruhiges Leben führen, dann Hilfe für die Geschwister schicken“, von denen sie allerdings nicht wissen, ob und wo sie leben.
Beide sind der Meinung, dass das Leben hier besser ist, weil es in Deutschland ein Recht auf politisches Asyl und ein Asylbewerberleistungsgesetz gibt, Flüchtlinge also nicht rechtlos leben. Dies empfinden sie als sehr positiv. Als Problem wird gesehen, dass man hier nicht so ohne Weiteres arbeiten darf und Residenzpflicht hat, d.h. dass man sich nur im Regierungsbezirk Schwaben bewegen und aufhalten darf. Bekommen Ali und Mustafa Vorurteile zu spüren? „Nein, nicht direkt“, ist ihre Antwort. Aber wenn man die Gemeinschaftsunterkunft verlassen dürfe und sich eine Wohnung suche, sei es schwieriger, sobald man sich als Asylbewerber vorstelle. Beide meinen, ein Problem für die Gesamtheit der Flüchtlinge sei auch, dass manche mit falschen Namen gekommen seien, manche sich nicht regelkonform verhielten und dies dann wieder auf alle Flüchtlinge zurückfalle.
Ali und Mustafa leben in der Gemeinschaftsunterkunft mit noch zwei anderen Flüchtlingen zu viert in einem Zimmer. Es ist schwierig, einen gemeinsamen Lebensrhythmus zu finden. So hat Ali Arbeit, muss also früh aufstehen, während die anderen noch schlafen, und er braucht seine Ruhe, wenn die anderen am Abend noch munter sind. Mustafa sagt, es sei schwer, in Ruhe z.B. Deutsch zu lernen. Manche Asylbewerber leben jahrelang in der Gemeinschaftsunterkunft. Jeder hat das Recht auf ein Lebensmittelpaket, das zweimal in der Woche ausgegeben wird, und bekommt monatlich 40 Euro Taschengeld. Es sei ein Problem, eine Arbeit zu finden, auch wenn man fleißig und willig sei. Denn als Asylbewerber darf man zunächst generell das erste Jahr in Deutschland nicht arbeiten. Erst dann kann man einen Antrag auf eine Arbeitsgenehmigung stellen, den der künftige Arbeitgeber ausfüllen muss. Dieser Antrag geht an das Landratsamt zurück, von dort an die Agentur für Arbeit. Bevor ein Arbeitgeber einen Asylbewerber beschäftigen darf, werden ihm von der Agentur für Arbeit zuerst andere arbeitslose Bewerber geschickt, die vorrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Erst wenn er diese nachweislich nicht beschäftigen kann, kommt der Asylbewerber an die Reihe. So bleiben für die Asylbewerber nur die Jobs übrig, für die es keine deutschen Interessenten gibt, z.B. Arbeit in einer internationalen Restaurantkette oder im Hotel-Reinigungsgewerbe, meist in großen Hotels in München. Nimmt man diese (befristete) Arbeit an, muss man jeden Tag nach München fahren, für das Bett in der Gemeinschaftsunterkunft bis zu 192 Euro bezahlen, die Fahrkarte nach München ebenfalls, das Lebensmittelpaket wie auch das Taschengeld fallen weg. Der Stundenlohn beträgt 8 Euro. Diese Arbeit verrichten zur Zeit mehrere Afghanen aus Nördlingen. Ist man krank, muss man im Landratsamt anrufen und einen Krankenschein anfordern, der dann nach Tagen kommt. Zum Arzt darf man nur gehen, wenn man Schmerzen hat.
Das jahrelange Warten setzt natürlich auch der Psyche zu. „Kopf geht kaputt“ sagt Mustafa. Und dennoch: Auf die Frage: „Wollen Sie hier bleiben?“ antwortet Ali ganz klar mit „Ja“ und leise dann: „Wenn ihr mich wollt.“
Christian verlässt als Fünfjähriger den Kongo
Clara März hat ihr Gespräch mit Christian aus dem Kongo niedergeschrieben und sich dabei ihre eigenen Gedanken gemacht:
„Ein großer, junger Schwarzafrikaner stellt sich mir vor - sein Name ist Christian.
Er ist in Ländern aufgewachsen, in denen keine Gesetze gelten und Menschenrechte mit den Füßen getreten werden. Unschuld spielt keine Rolle, das zeigt Christians Geschichte. Viele Nachrichten machen mich betroffen, aber Afrika ist trotzdem weit weg und wenn die Zeitung zu und der Fernseher aus ist, dann ist mein Alltag da und ich ärgere mich über meine Nachbarn oder darüber, dass ich einen Pickel im Gesicht habe.
Jetzt allerdings sitzt Christian vor mir und erzählt mit ruhiger Stimme und in gebrochenem Englisch, was er erlebt hat. Immer wenn es schwierig für ihn wird, flüstert er fast – ich schließe die Fenster. Christian ist 1983 im Kongo geboren. Seine erlebten Traumata reichen für mehrere Leben aus. Bereits als fünfjähriger Junge verlässt er mit seinen Eltern und den Geschwistern den Kongo, die Familie zieht in das Nachbarland Burundi, dort hat der Vater Arbeit. 1993 beginnt der Genozid. Christians Vater wird erschossen, die Mutter bleibt zurück mit fünf Kindern, sie flüchten nach Ruanda. Ein Jahr später werden sie und die zwei ältesten Brüder ebenfalls ermordet. Christian ist 11 Jahre alt als er, nun ohne Eltern, mit den beiden jüngeren Brüdern Thomas und Minani nach Ruanda in das Flüchtlingscamp Kibeho in Kikohgoro flieht, der kleinste Bruder Minani war zu diesem Zeitpunkt 1 ½ Jahre alt und starb zwei Wochen nach Ankunft am Hungertod.
Die beiden Brüder gehen zurück in den Kongo, die Landessprache können die beiden Kinder nicht sprechen, da sie in Burundi aufgewachsen sind, sie haben keine Familie mehr, mögliche Verwandte haben sie nie kennen gelernt. Christian ist zwölf Jahre alt, als er von der Polizei ohnmächtig geprügelt wird. Sie werfen ihn wie Abfall in einen Container. Hier fällt Christian die Erinnerung schwer, er zeigt mir die Narben dieser Misshandlung. Ein Händler, der die Polizei mit Lebensmitteln versorgt, kann den Jungen mitnehmen und gesund pflegen.
In den folgenden zehn Jahren leben die Brüder von der Hand in den Mund, werden für Hilfsarbeit mit Essen entlohnt, ziehen von einem Flüchtlingscamp zum anderen. Immer wieder finden Kriege und Unruhen statt, eine gefährliche Zeit. Im Jahr 2005 verlassen Christian und Thomas den Kongo um nach Uganda zu ziehen. Christian gründet eine Familie und wird 2006 Vater eines kleinen Jungen. Sein Bruder arbeitet als Automechaniker, Christian kann mit Hilfe eines Freundes den Führerschein machen und wird LKW-Fahrer. Eine kurze, ruhige Zeit in seiner Erzählung.
Nur fünf Jahre später fängt die Polizei an, ihn um Geld zu erpressen weil er keine Papiere hat, ein Jahr lang versteckt er sich immer wieder, bis er Anfang diesen Jahres festgenommen und erneut misshandelt wird. Seine Frau nimmt sich das Leben, Thomas ist vermutlich ermordet worden, was mit seinem kleinen Sohn geschehen ist, weiß Christian nicht.
Er flieht nach Kenia, von dort mit Hilfe eines Pastors über Äthiopien nach Europa, von Frankfurt nach Irland, er wird zurück nach Frankfurt geschickt, nach einem kurzen Aufenthalt in München wird er als Flüchtling der Gemeinschaftsunterkunft Am Hohen Weg in Nördlingen zugewiesen.
Ein junger Mann also. Er kann schlecht einschlafen, seine Gedanken kreisen um erlebte Grausamkeiten. Fußballspielen würde er sehr gerne, dann könnte er vielleicht besser schlafen. Ich frage mich, ob seine Flucht jetzt vorbei ist?
Nachtrag:
Einige Tage später wurde Christian sehr herzlich von einem Fußballverein aufgenommen - das bedeutet ihm viel. Nach einem Besuch in der Gemeinschaftsunterkunft wurde mir aber auch klar, dass Christian nur einer von vielen ist. Traurig aber wahr, seine Geschichte ist kein Einzelfall. Vielleicht gibt es auch andere Sportvereine in Nördlingen und Umgebung die fußballbegeisterte Flüchtlinge aufnehmen?“




